„Wenn sich alle duzen, muss ich in den sauren Apfel beißen“


Frau Beyer-Graichen, immer mehr Leute duzen sich. Wer darf mir das Du überhaupt
anbieten?
Das regeln zwei Dinge, nämlich Alter und Hierarchie. Der Ältere bietet der jüngeren Person das Du an und nicht umgekehrt. Auch ist es die Frau, die dem Herrn das Du anbietet. Der Dame obliegt es, jemanden an sich herankommen zu lassen. Im Business ist es der hierarchisch Höherstehende. Trotzdem bietet die Assistentin ihrem Chef nicht das Du an. Ein solches Angebot muss vom Vorgesetzten kommen.
Wie ist es, wenn jemand älter ist als ich selbst, aber in der Hierarchie unter mir steht?
Eine schwierige Angelegenheit. Theoretisch würde man beim Sie bleiben. Hat man aber vielleicht schon lange Zeit zusammengearbeitet, gemeinsame Erfolge erzielt und das Bedürfnis, sich einander zu duzen, würde ich als jüngerer Vorgesetzter eine günstige Situation abwarten und das Du anbieten. Dieses Thema setzt sehr viel Fingerspitzengefühl voraus. Allgemein sollten sich entweder alle duzen oder das Sie pflegen. Natürlich ergibt sich das Du häufig unter langjährigen Berufskollegen. Der Neuankömmling sollte es also nicht gleich erwarten.
In einem Start-up wäre das aber komisch.
Natürlich, diese Regeln sind nicht starr, sondernsituationsabhängig. Aber was nicht verloren gehen sollte, ist der respektvolle Umgang und die Wertschätzung des anderen. Und ich wertschätze jemanden nicht, wenn ich gleich mit dem Du komme. Oder wenn ich als junger Mensch jemanden einfach duze, weil ich die Haltung habe: „Das ist halt jetzt so, imenglischsprachigen Raum wird ja auch geduzt.
Wenn ich neu in einem Unternehmen bin, frage ich dann einfach: Wie wird das hier gehandhabt?
Ja, genau. Zuerst einmal siezen und sich umhören. Ist das Du üblich, sagt dann schon jemand: „Hör mal, bei uns wird geduzt. Ob das aber nur in der Abteilung so gehandhabt wird oder auch die Vorgesetzten betrifft, sollte man unbedingt erfragen. Man kann sich auch höflich mit Vornamen ansprechen und siezen. Das empfehle ich häufig in Firmen, die mit englischsprachigen Partnern Geschäfte haben. Während solcher Konferenzen sprechen sich alle mit Vornamen an. Zurück im Arbeitsalltag, kehrt man zum deutschen Sie zurück, aber verwendet weiter den Vornamen.
Und wenn der Chef mich duzt, und ich will das nicht?
Wenn sich alle duzen, dann muss ich in den sauren Apfel beißen. Aber wenn sich eigentlich nur ältere Kollegen duzen, die schon lange zusammenarbeiten, und plötzlich bietet der Vorgesetzte nur mir das Du an, anderen Kollegen aber nicht, dann kann ich ablehnen: „Ich fühle mich geehrt, aber habe Bedenken, was das Arbeitsklima zu meinen Kollegen angeht. Es wäre mir lieber, wenn Sie mich weiter siezen. Denn bietet ein Vorgesetzter nur einem Einzelnen das Du an, entsteht schnell ein Spannungsfeld.
In Geschäften beim Einkaufen werden viele häufig geduzt, ohne dass der Verkäufer vorher fragt.
Von vornherein duzen gehört sich nicht, aber wir befinden uns in einem Wandel, das ist klar. Die Geschäftsleitung verspricht sich vom Duzen eine Nähe zum Kunden und einen höheren Verkaufserlös. Aber es gibt durchaus Kunden, die nicht geduzt werden möchten. Denn Duzen auf diese Weise ist übergrig und bedeutet einen Eingriff in die Privatsphäre. Und eigentlich gilt: Der Kunde ist König. Wenn der Kunde zurück siezt, dann sollte das Personal geschult sein, sofort umzuschwenken, und die Person siezen.
Was empfehlen Sie auf der Straße im Alltag, wenn ich zum Beispiel jemanden auf etwas hinweise?
Auch da empfehle ich zu siezen. Wenn ich jemandem wertschätzend gegenüber auftrete, während ich ihm zum Beispiel sage, dass er falsch parkt, dann wird auch die Gegenreaktion eher positiv ausfallen. Bei Kindern gilt das Du. Aber selbst bei Jugendlichen sollte man spontan entscheiden. Denn mit einem Sie kann man viel mehr erreichen, weil sie sich dann als erwachsene Personen wertgeschätzt fühlen.
Ich bin Mitte zwanzig, wenn ich jemandem gegenüberstehe, der mir im Alter und Aussehen
recht ähnlich ist – dann würde ich die Person duzen.
Ja, dann sollten Sie sich Ihrem Gefühl hingeben. Unter den Zwanzig- und Dreißigjährigen passt das. Aber wenn Sie der gleichen Frau als Mitarbeiterin einer Bank oder eines Geschäfts gegenüberstehen, dann sollten Sie sie siezen. Da steht die Rolle im Vordergrund. Kleidung oder Aussehen sind kein Kriterium für Hierarchie. Auch einem Obdachlosen gebührt Respekt und damit ein Sie. Wieso nehme ich mir heraus, einen Menschen, dem es schlechter geht als mir, einfach zu duzen? Das ist leider häufig gang und gäbe. Allgemein gilt: Wenn mich ein
Gegenüber einfach duzt, kann man immer gut reagieren, indem man siezt oder sagt: „Kennen wir uns? Sind wir uns schon mal begegnet?“
Wie ist es, wenn ich zum Beispiel den Nachbar, den ich schon immer sieze, auf einmal beim Sport treffe, wo sich jeder duzt?
Ist er ein unangenehmer Nachbar? Dann empfehle ich, die Anrede im Sport einfach zu umgehen und zu Hause weiter zu siezen. Wenn man dem Nachbarn gut gesinnt ist, kann man die Begegnung als Anlass zum Vorschlag nehmen: „Hallo, wollen wir uns nicht auch duzen, jetzt, wo wir uns sogar beim Sport sehen?“ Auch dabei sollte die Aufforderung von der Frau oder der älteren Person ausgehen.
Was kann ich sagen, wenn ich jemanden versehentlich sieze, obwohl wir eigentlich schon beim Du waren?
Da kann man sich retten und sagen: „Das kann ja nicht wahr sein! Natürlich! Ich habe dich gerade im beruflichen Kontext gesehen, aber wir haben uns doch schon längst geduzt. Einfach locker und freundlich bleiben. Andersherum ist es schwieriger. Wenn man merkt, oh je, wir waren ja noch gar nicht beim Du, äußert man: „Bitte entschuldigen Sie!“ und setzt das weitere Gespräch ganz professionell mit Sie fort. Gar kein großes Ding daraus machen. Dann versteht es der Gegenüber nicht als falsche Auorderung zum Duzen, was häufig passiert.
Gibt es eine höfliche Möglichkeit, das Du zurückzunehmen, wenn man sich damit unwohl fühlt?
Eigentlich nicht. Ausnahme wäre eine wirklich drastische Situation oder ein Vorkommnis, das so unangenehm war, dass es diesen Abstand zu dieser Person rechtfertigt. Ist es Ihr Nachbar oder Ihr Mitarbeiter, kommen Sie von dieser Person nicht so leicht los. Dann ist es wichtig, diesen Schritt zu begründen. Legen Sie sich einen Satz zurecht, nehmen Sie all Ihren Mut zusammen und sagen Sie der Person, warum Sie ab sofort wieder zum Sie übergehen. Hinterher geht es Ihnen besser.

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